Interview zur Sonderausstellung »TRAUMZEIT«

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»Die Kunst der Romantik berührt uns bis heute«

Kurator Kai Wenzel über die neue Sonderausstellung »TRAUMZEIT. Zeichenkunst der Romantik« im Kaisertrutz Görlitz – zu sehen vom 25. April 2026 bis zum 3. Januar 2027
Kurator Kai Wenzel in der Sonderausstellung »Traumzeit«, Foto: Pawel Sosnowski
Kurator Kai Wenzel in der Sonderausstellung »Traumzeit«, Foto: Pawel Sosnowski
Herr Wenzel, wenn man die Ausstellung in einem einzigen Bild, Gefühl oder Satz zusammenfassen müsste – was wäre »TRAUMZEIT« für Sie?

Ich denke da zuerst an eine Zeichnung von Adrian Ludwig Richter, die das Titelmotiv unserer Ausstellung geworden ist. Sie zeigt zwei Kinder, die während einer Rast im Hochgebirge eingeschlafen sind. Ein Hund bewacht ihren Schlaf und hält die Umgebung fest im Blick. Das Mädchen und der Junge wirken aus ihrer Welt und Zeit entrückt. Richter zeichnete dieses Bild um 1860. In seiner Komposition finden sich aber keine Hinweise, dass sich die Moderne zu diesem Zeitpunkt immer rasanter entfaltete. Stattdessen schlafen die beiden Kinder friedlich, ganz so als würden diese allumfassenden Veränderungen sie nicht berühren. Eigentlich ist die Zeichnung ein treffendes Sinnbild für die Kunst der Romantik, der ein Paradox innewohnt. Während die Industrialisierung immer mehr an Fahrt aufnahm und durch die Eisenbahn oder den Telegrafen Entfernungen stark schrumpften, schufen Künstler Bilder, die idyllische Landschaften, vormoderne Lebensweisen und eine idealisierte Vorstellung vom menschlichen Glück feierten.

Was war der erste Impuls für diese Ausstellung – ein konkretes Werk, ein Thema oder die Sammlung im Graphischen Kabinett selbst?

Der Ausgangspunkt für die Ausstellung war eindeutig unsere Sammlung, also der außergewöhnliche Bestand an Zeichnungen der Romantik in unserem Graphischen Kabinett. Es ist bislang noch zu wenig bekannt, dass wir in unserem Museum Werke der Zeichenkunst der Romantik in einer Qualität und einem Umfang besitzen, wie man es sonst eher in großen Museen in Berlin, Hamburg oder Dresden vermuten würde. Der Grundstein für diesen Bestand wurde bereits 1886 durch eine Schenkung gelegt. In diesem Jahr übergab Marie von Uechtritz, die Witwe des aus Görlitz stammenden Juristen und Dichters Friedrich von Uechtritz ein Konvolut an Zeichnungen namhafter Künstler der Romantik an das damals noch junge Görlitzer Museum. Seit dieser Schenkung wurde und wird die Zeichenkunst der Romantik in unserem Museum kontinuierlich gesammelt. Wie sehr der Bestand während der vergangenen 140 Jahre weitergewachsen ist, zeigt unsere Ausstellung anhand von 140 Kunstwerken. Zu sehen sind auch die jüngsten Neuzugänge, die wiederum durch eine bedeutende Schenkung im Jahr 2025 in unser Graphisches Kabinett gelangten, darunter eine Zeichnung des bekannten Malers Carl Spitzweg.

Adrian Ludwig Richter (1803–1884), Zwei Kinder auf einer Rast im Gebirge, um 1860, Grafit, Pinsel in Wasserfarben, Görlitzer Sammlungen
Adrian Ludwig Richter (1803–1884), Zwei Kinder auf einer Rast im Gebirge, um 1860, Grafit, Pinsel in Wasserfarben, Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur (Foto: Kai Wenzel)

»Es gibt in der Kunstgeschichtsschreibung sogar die Theorie, dass die Romantik noch gar nicht zu Ende sei, sondern in der Gegenwart fortbesteht.«

Kurator Kai Wenzel

 

Sie zeigen also 140 Werke aus dem Graphischen Kabinett. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt – und worauf mussten Sie bewusst verzichten?

Die Idee unserer Ausstellung ist es, ein möglichst mannigfaltiges Bild von der Kunst der Romantik zu zeigen. Heute wird diese Epoche ja meist mit einigen wenigen Namen in Verbindung gebracht, vor allem mit dem Maler Caspar David Friedrich. Tatsächlich ist die Kunst der Romantik aber ein sehr weites Feld sowohl in Hinsicht der Bildthemen als auch der Künstlernamen. Diese Vielfalt versuchen wir in unserer Ausstellung zu zeigen und stellen dabei sowohl bekannte Künstler vor, als auch solche, die im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie nicht minder eindrucksvolle Werke schufen. Die Auswahl der Werke war aber auch herausfordernd, da der Bestand an Zeichnungen der Romantik in unserem Graphischen Kabinett weitaus umfangreicher, die Sonderausstellungsfläche im Kaisertrutz aber nun einmal begrenzt ist. Eigentlich könnten wir noch eine zweite Ausstellung mit all jenen Werken zeigen, die es nicht in die jetzige Schau geschafft haben.

Die Romantik entstand in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen durch die Industrialisierung, die Welt beschleunigte sich rasant. Sehen Sie Parallelen zu unserer Gegenwart? 

In der Kunst unserer Gegenwart lassen sich mitunter noch Anklänge an die Ideen und Sehnsüchte der Romantik beobachten. Es gibt in der Kunstgeschichtsschreibung sogar die Theorie, dass die Romantik noch gar nicht zu Ende sei, sondern in der Gegenwart fortbesteht. Auf jeden Fall sind Kunstwerke der Romantik des 19. Jahrhunderts, wie wir sie in unserer Ausstellung zeigen, bis heute sehr populär, auch wenn sie vielleicht Motive zeigen, die auf den ersten Blick eher irritieren, wie ein abgestorbener Baum oder ein Friedhof. Solche Bilder berühren viele von uns auch heute noch. Insofern hoffen wir, dass unsere Ausstellung vielfältige Inspirationen bereithält.

Die Ausstellung rückt die Zeichenkunst ins Zentrum – ein Medium, das oft im Schatten der Malerei steht? Warum ist gerade die Zeichnung für die Romantik so ein besonderes Ausdrucksmittel?

Das Medium der Zeichnung stieg im Zeitalter der Romantik gleichberechtigt neben die Malerei auf. Zuvor war sie oftmals eher ein Hilfsmittel, mit dem Skizzen angelegt wurden, die aber nicht als ausstellungswürdige Kunstwerke galten. Zwar gibt es auch in der Romantik reichhaltiges Skizzenmaterial, wovon wir auch einige Beispiele zeigen. Daneben entstanden aber auch aufwendig durchgearbeitete, großformatige Zeichnungen, die wie Gemälde wirken, aber Kunstwerke auf Papier sind. Schon in ihrer Entstehungszeit wurden sie gleichberechtigt neben Gemälden ausgestellt. Unabhängig von dieser Emanzipation der Zeichenkunst rücken wir das Medium ins Zentrum unserer Ausstellung, weil die Werke auch in technischer Hinsicht begeistern. Um alle Feinheiten auf den Blättern zu entdecken, können sich die Besucherinnen und Besucher bei uns Lupen ausleihen und entdecken, wie die Zeichenkunst der Romantik funktioniert.

Johan Christian Clausen Dahl (1788–1857), Friedhof mit Kapelle in den Tiroler Alpen, 1820, Grafit, Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur (Foto: Kai Wenzel)
Johan Christian Clausen Dahl (1788–1857), Friedhof mit Kapelle in den Tiroler Alpen, 1820, Grafit, Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur (Foto: Kai Wenzel)

»Bei der Auswahl der Werke war es faszinierend, zu sehen, dass unser Sammlungsbestand eigentlich alle wesentlichen Aspekte der Romantik beinhaltet, ... «

Kurator Kai Wenzel

In der Ausstellung durchwandert das Publikum verschiedene Themenräume. Gibt es einen »roten Faden«?

Der rote Faden ist eigentlich die schon angesprochene Vielfalt. Beim Durchwandern der verschiedenen Themenräume, die auch durch wechselnde Wandfarben unterschieden werden, können die Besucherinnen und Besucher Landschaftsansichten aus verschiedensten Gegenden, Bilder zu Mythen, Märchen und Sagen oder die romantische Begeisterung für das Mittelalter entdecken, um nur einige der insgesamt 16 Themen der Ausstellung anzusprechen. Bei der Auswahl der Werke war es faszinierend, zu sehen, dass unser Sammlungsbestand eigentlich alle wesentlichen Aspekte der Romantik beinhaltet, wir also die Vielfalt dessen, was diese Kunstepoche auszeichnet, im eigenen Haus haben. Daher konnten wir diesmal auch auf Leihgaben aus anderen Museen oder Privatsammlungen verzichten.

Warum blickten viele romantische Künstler zurück ins Mittelalter? Dieser Blick zurück blieb ja nicht ganz folgenlos …

Der Rückblick auf das Mittelalter oder besser die Entdeckung des Mittelalters, das zuvor eher als eine dunkle Epoche wahrgenommen wurde, war ein zentrales Thema in der Romantik – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern z. B. auch in Frankreich oder in Großbritannien, wo gleichermaßen romantische Kunst entstand. Der Impuls dafür ist im aufkommenden Nationalismus zu suchen. Das Mittelalter wurde dabei als eine vermeintlich eigenständige Nationalkultur interpretiert, die sich vor allem von antiken Traditionen abheben sollte, die in vorangegangenen Epochen, wie dem Klassizismus, den ästhetischen Maßstab gebildet hatten. In Deutschland sammelten Schriftsteller ganz bewusst alte Märchen und Sagen, da sie diese als Pendants zu den Erzählungen der antiken Mythologie verstanden. Maler wiederum schufen dann dazu Bilder, wie z. B. Moritz von Schwind mit seiner Zeichnung zum Märchen Aschenbrödel, die in unserer Ausstellung zu sehen ist. Diese Entdeckung des Mittelalters führte letztlich auch zur Entstehung des Denkmalschutzgedankens, als in der beginnenden Moderne immer mehr jahrhundertealte Bauwerke neuen Gebäuden oder einfach nur breiteren Straßen Platz machen sollten. Auch diesen Aspekt zeigen wir am Beispiel von Görlitz. Die Entdeckung des Mittelalters im Zeitalter der Romantik und des aufkommenden Nationalismus hat aber auch eine Schattenseite. Denn die Überbetonung des vermeintlich Eigenen führte im weiteren Verlauf zu nationalistischen Abgrenzungen von den europäischen Nachbarn und trug langfristig zu Konflikten bei, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nachwirkten.

 Ein Blick in die Sonderausstellung, Foto: Pawel Sosnowski
Ein Blick in die Sonderausstellung, Foto: Pawel Sosnowski
Unter den über 50 Künstlern in dieser Schau ist nur eine Frau vertreten: Caroline Friederike Friedrich. Was sagt das über die Zeit – und über die Sammlung?

Ja, das stimmt leider, in unserer Ausstellung ist mit der Dresdener Malerin Caroline Friederike Friedrich nur eine Künstlerin vertreten. Das sagt sehr viel über eine Epoche aus, in der Frauen im Kunstbetrieb fast nicht vorkamen, einfach, weil sie keine gleichberechtigten Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten erhielten. Es ist auch noch gar nicht so lange her, dass Frauen in Deutschland überhaupt zum Studium an Kunstakademien zugelassen wurden – das war erst im Jahr 1919. Um 1800 war Caroline Friederike Friedrich die erste Frau, die als Lehrerin an der Dresdener Kunstakademie wirkte. Bekannt war sie vor allem für ihre präzisen Darstellungen von Pflanzen und Früchten, von denen wir zwei Beispiele in unserer Ausstellung zeigen. Aber nicht nur im Kunstbetrieb, sondern auch in den Kunstsammlungen spielten Werke von Frauen dieser Epoche lange Zeit keine Rolle. Tatsächlich haben auch wir die beiden ausgestellten Zeichnungen von Caroline Friederike Friedrich erst in den Jahren 2021 und 2024 erworben, um diese empfindliche Lücke in unserem Bestand zu schließen.

Der Grundstock der Sammlung romantischer Zeichenkunst im Graphischen Kabinett geht auf eine Schenkung vor 140 Jahren zurück. Wird diese Geschichte auch in Ihrer Ausstellung erzählt? Welche Rolle spielen Mäzene damals und heute?

Die Geschichte der Schenkung vor 140 Jahren war ein Ausgangspunkt für die Konzeption der Ausstellung. Diese Idee hat sich dann weiterentwickelt, sodass wir schließlich zu jedem Kunstwerk aufzeigen, wann, woher oder durch wen es in den Bestand unseres Graphischen Kabinetts gelangte. Denn jede der gezeigten Zeichnungen hat eine individuelle Geschichte. Und eine öffentliche Kunstsammlung ist immer auch ein Spiegel der Begeisterung Vieler, die unserem Museum Kunstwerke geschenkt oder Ankäufe durch Geldspenden ermöglicht haben. Insofern thematisieren wir auch – ganz unabhängig vom Thema „Romantik“ – die Idee des Sammelns in einem Museum als generationsübergreifendes Projekt. Es gäbe diese Ausstellung schlichtweg nicht, wenn nicht vor 140 Jahren damit begonnen worden wäre, Zeichenkunst der Romantik in Görlitz zu sammeln und dieses Sammeln bis heute kontinuierlich fortgesetzt würde.

Das Begleitprogramm ist ungewöhnlich vielfältig – von Themenführungen, Spaziergängen, Lesungen im historischen Bibliothekssaal bis hin zu Zeichenkursen: Was war die Idee dahinter?

Mit unserem Begleitprogramm möchten wir das Thema aus dem Ausstellungsraum hinaustragen und zeigen, dass die Epoche der Romantik auch an anderen Orten in Görlitz präsent ist. So wird es z. B. mehrere geführte Spaziergänge durch die Görlitzer Altstadt geben, bei denen es um den zeitgeschichtlichen Kontext der Romantik geht, also um die Kriege gegen Napoleon, um die Industrialisierung oder auch um die Revolution von 1848. Mit einem anderen Angebot, den Zeichenkursen, möchten wir Begeisterung für das Medium der Zeichenkunst wecken. Zeichnen ist eine Jahrtausende alte menschliche Kulturtechnik. Im Zeitalter der Romantik wurde sie zur Perfektion geführt. Ziel der Zeichenkurse soll es natürlich nicht sein, so zeichnen zu lernen wie Künstler vor 200 Jahren. Es soll vielmehr darum gehen, die Begeisterung dafür zu wecken, mit dem Zeichenstift oder dem Pinsel Bildideen sichtbar werden zu lassen – also ein ganz analoges, handgemachtes Erlebnis.

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Das Interview führte Ina Rueth

 Ein Blick in die Sonderausstellung, Foto: Pawel Sosnowski
Ein Blick in die Sonderausstellung, Foto: Pawel Sosnowski
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