Mehr als 950 Schritte

– der theatralische Stadtspaziergang mit Puppen & Objekten

Die Puppenspielerin Anne Swoboda lädt zu einem Spaziergang durch ihre Heimatstadt ein. Die Görlitzer Sammlungen haben sie auf ihrem Weg begleitet und sie bei dem Projekt zum 950. Geburtstag der Stadt unterstützt. In einem Gespräch hat sie uns einige Fragen beantwortet:
Anne, dich kennt man von Bühnen mit Puppenspiel für große und kleine Besucher sowie Gesang. Nun bist du mit einem Spaziergang „Mehr als 950 Schritte“ unterwegs. Mit einem Wägelchen ziehst du durch die Görlitzer Altstadt und präsentierst deinem Publikum Geschichte und Geschichten, gibst ganz private Einblicke und lässt auch die Politik nicht aus. Was hat dich dazu motiviert?
AS: Die Idee hatte ich schon lange nachdem ich vor 11 Jahren nach Görlitz zurückkam. Ein ähnliches Projekt habe ich als Regisseurin für ein Theater in Brühl gemacht. Der Anlass 950 Jahre Görlitz war dann der ausschlaggebende Start: wann, wenn nicht jetzt! Das Preisgeld des Projektwettbewerbs gab mir einen Teil der Produktionskosten und die dann einsetzende Pandemie Zeit für die gründliche Recherche mithilfe des Stipendiums „take care“ des Fonds darstellende Künste für mich selber. Einen subjektiven und doch im Sinne einer Stadtführung gültigen Blick auf Görlitz zu entwickeln, war meine Idee. Mich faszinieren die vielfältigen architektonischen Details, die geschichtlichen Hintergründe, und die Geschichten dahinter. Diesen Blick möchte ich gern teilen.
Wie hast du deine Geschichten gefunden und dich auf das spielerische Erzählen vorbereitet?
AS: Die Recherchearbeit nahm mehrere Monate in Anspruch, begonnen hatte ich auch eine Gästeführerausbildung, die dann durch die Pandemie abgebrochen wurde. Es hat Spaß gemacht, mich mit meiner eigenen Stadt so intensiv beschäftigen zu können. Oft war ich auch unterwegs in den Strassen, habe Kontakte (leider fast alles digital in dieser Zeit) geknüpft, Informationen eingeholt und so hat sich aus der Fülle des Materials und den Ideen zur szenischen Umsetzung, Schritt für Schritt der Weg geformt.
An ausgewählten historischen Haltepunkten versammelt sich nun das Publikum der Stadtführung um einen Wagen, aus dem sich ein Miniaturtheater entfaltet. Auf unterschiedliche Weise wird jeweils ein historisch belegter Geschichtenschnipsel zum Theatererlebnis: Mal sind es sprechende Masken, mal lebendig werdende Bilder. Die Stadtrundgänger*innen erleben kleine Ausschnitte der Stadtgeschichte oder architektonische Kleinode und werden durch das Figurenspiel emotional ins Geschehen hineingezogen. So werden nicht nur Fakten und Informationen vermittelt. Es verweben sich Dialoge, historische Orte und Geschehnisse zu nachhaltigen bildhaften Eindrücken. Eine Korrespondenz zwischen Historie und Gegenwart entsteht.
Die künstlerische Arbeit im öffentlichen Stadtraum ist für mich dabei eine neue Herausforderung.
Du hast bei deinem Spaziergang einen Begleiter dabei. Stell ihn doch bitte mal vor.
AS: Als Stadtführerin hat man einfach viele Informationen zu vermitteln. Theatermittel bringen da Lebendigkeit. Um einen – auch zu mir konträr oder mal frech – agierenden Dialogpartner zu haben, suchte ich nach einem tierischen Mitspieler. Das Wappentier? Zu mächtig. Ein Maskottchen? Hat Görlitz nicht. Aber freche Spatzen, die alles von den Dächern pfeifen, gibt es zu Hauf. Einer hat zufällig und ungefragt sein Nest in meinem Wagen gebaut. Auch wenn er sich manchmal recht in den Vordergrund drängelt, die ZuschauerInnen schließen ihn sofort ins Herz. Ich freue mich, dass er mir zugeflogen ist. Nun hab ich also einen Vogel!

Das Wägelchen wurde eigens für diese Tour über das holprige Kopfsteinpflaster angefertigt, ebenso wie die wunderbaren Szenenbildchen, die „Steinköpfe“, die Gänse und die „Filmrolle“. Das alles fügst du szenisch gekonnt zusammen. Aber natürlich gibt es da auch Mitstreiter, die nicht hier stehen oder für die Spaziergänger sichtbar sind. Wer hat dich bei diesem Projekt unterstützt?
AS: Hinter mir als Puppenspielerin steht immer ein Team aus professionellen KollegInnen. Ideen und Konzept entwickelte ich auch diesmal im stillen Kämmerlein, aber gemeinsam mit der Regisseurin Therese Thomaschke (Bautzen), der Figurenbildnerin Annekatrin Heyne (Görlitz) und dem Bühnenbauer Ewald Otto (Berlin) entstand in mehreren Monaten vieler Arbeit, die künstlerische Realität.
Jetzt ziehe ich zwar allein mit dem Wägelchen durch die Stadt, aber weiß die Qualität der Arbeit der anderen hinter mir.

Und sind es mehr als 950 Schritte?

AS: Ein paar mehr Schritte sind es von der Brüderstraße über den Untermarkt hinunter zur Neißebrücke, die Ochsenbastei hoch zur Bergstraße tatsächlich. Aber das „Mehr als 950 Schritte…“ soll darauf hinweisen: dieses Angebot ist kein Jubiläumshäppchen für Görlitz, sondern wird übers Jahr hinaus ein besonderes Angebot für Görlitzer und unsere Gäste sein um mit offenem Blick Ungewöhnliches zu entdecken.

Termine:
Freitag, 18. Juni 17 Uhr und Samstag 19. Juni 14 Uhr sowie auf Anfrage
Dauer
 ca. 90 Minuten
Treffpunkt: Brüderstraße 16, 02826 Görlitz
Veranstaltung für Erwachsene und begleitete Schüler (6-14 J.)
Tickets: ausschließlich im Vorverkauf bei der Görlitz-Information, Obermarkt 32, Telefon 03581 4757 0, E-Mail willkommen@europastadt-goerlitz.de
Preis: 17,50 Euro/ Person, ermäßigt 12,50 Euro (Ermäßigung für Schüler 6-14 Jahre)