Laudatio Dr. Igor Jenzen

Verehrte Staatsministerin,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

bevor wir uns der Frage nähern, was ein Museum für die Gesellschaft der Zukunft leisten kann, lassen Sie uns erst darüber sprechen, was ein Museum für die gegenwärtige Gesellschaft vor Ort leisten kann.
Gemeint sind dabei nicht jene großen bekannten Orte, an denen sich die Angebote zur Zerstreuung, Unterhaltung, zum Austausch, zum Staunen und zur Erbauung gegenseitig überbieten, nein, gemeint sind hier die etwas kleineren Orte, an denen das Museum eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Anlaufstelle für das kulturelle Leben der Einwohner und der Gäste darstellt. Dann nämlich fällt dem Museum eine besonders hohe Verantwortung zu:
Es muss den Einwohnern die Welt nach Hause bringen, Horizonte öffnen, sie Anteil haben lassen an den kulturell relevanten Themen und den wichtigen Kunstwerken der Zeit, muss ihren Wissensdurst und ihre Schaulust befriedigen und den intellektuellen Austausch befördern, und das auf möglichst hohem reflektiertem Niveau. Gleichzeitig soll und muss das Museum aber auch den Touristen die Stadt vorstellen, ihre Geschichte, ihre Besonderheiten und die Strukturen der Region. Am besten soll es darüber hinaus auch noch mit Aufsehen-erregenden Ausstellungen Gäste anlocken, die das Leben in der Stadt, den Handel und die Gastronomie bereichern.
Bei alledem sind natürlich die täglichen Hausaufgaben nach den ICOM-Richtlinien nicht zu vernachlässigen: Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln versteht sich von selbst, doch sind heutigentags vor allem auch die Digitalisierung in angemessener Geschwindigkeit und – ganz wichtig – die Provenienzrecherche voranzutreiben.
„Soll, muss, möglichst“ – ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Wer kann so eine vermessene Verquickung von gleichzeitig ortsspezifischen und universalen Ansprüchen einlösen? Welches Museum kann so etwas leisten?
Das gibt es nicht?
Doch, das gibt’s.
Wir ehren heute ein Museum, das alles richtig macht, und das auf eine bewundernswert unaufgeregte Weise. Und: damit Sie die Liste der Leistungen auch richtig zu würdigen wissen, sage ich Ihnen vorweg, dass der Personalplan dieses Museums gerade einmal 8 Stellen umfasst: 3 Wissenschaftlerstellen, 1 Stelle für Depotverwaltung, 1 für Museumspädagogik, 1 für das Marketing, 1 für Verwaltungsaufgaben und eine für die Technik. Das nenne ich eine schlanke und effektive Aufgabenverteilung mit einem klaren Schwerpunkt auf der Produktion und Vermittlung von Inhalten. Mit diesem – gelegentlich durch Projekt-Mitarbeiter ergänzten – Team bespielt das Museum die Sparten Archäologie, Stadtgeschichte, Wissenschafts- sowie Kunst- und Kulturgeschichte; ein Universalmuseum also.
Der hohe Anspruch ist durch die Geschichte der Institution und durch seine Lage vorgegeben. Denn, ich zitiere: „Gelegen im Schnittpunkt von Sachsen, Schlesien, Böhmen und Brandenburg bewahrt das Kulturhistorische Museum Görlitz seit fast 150 Jahren die materielle und geistige Geschichte der östlichen Oberlausitz.“
Nun wissen wir, um welche ehrwürdige Einrichtung es geht. Und wir haben sofort eine Vorstellung von der in der Tat hohen Bedeutung des Museums für die Bewohner dieser Grenzregion ganz im Osten Deutschlands. Hier geht es um Kommunikation, um Identität und Identitäten, es geht um kulturelle Infrastruktur und Lebensqualität und es geht um den Tourismus, der das Land belebt.
Nach langen Jahrzehnten des Wirkens im Verborgenen, hat der Entschluss der Landesregierung von 2006, dort in Görlitz die Landesausstellung „Via Regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ 2011 zu veranstalten, den Startschuss für eine gründliche Sanierung der Gebäude und eine grundsätzliche Aufwertung der kulturellen Infrastruktur gelegt. Das war äußerst erfreulich. Ebenso erfreulich waren aber auch die Geschicklichkeit und der Pragmatismus, mit dem das Kulturhistorische Museum Görlitz die Gebäude und die Ausstellungsbauten, aber auch den Schwung des Ereignisses und den Erkenntniszuwachs des Projektes nachgenutzt hat und nutzt. Hier wurden durchaus nicht Reste verwertet, sondern im Kaisertrutz mit den vorhandenen Ressourcen eine schlüssige, wissenschaftlich wie gestalterisch überzeugende Schau zur Geschichte der Region erarbeitet.
Auch das Barockhaus in der Neißstraße, die zweite (oder erste) Adresse des Museums, konnte vom Schwung der Landesausstellung profitieren und zeigt weit über ein übliches Stilzimmer-Museum hinaus einen authentischen Einblick in die gehobene Wohnkultur eines wohlhabenden Handelshauses des 18. und 19. Jahrhunderts und eine Geschichte der Aneignung und Verbreitung von Wissen durch die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften.
Neben dem Haupthaus und dem sogenannten Biblischen Haus mit dem Sitz der Verwaltung konnte in einem angrenzenden Gebäude zwischen 2011 und 2013 ein modern ausgestattetes Depot eingerichtet und damit der Gebäudekomplex des Museums bis zum Nachbarn im Geiste, dem Haus der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften geschlossen werden.
Das alles ist überzeugend und rundum gelungen.
… und erfüllt obendrein musterhaft die Anforderungen nach einer konservatorisch angemessenen Bewahrung der Sammlungen; der Sammlungen, für die es selbstverständlich ein differenziertes, logisch nachvollziehbares Erwerbungskonzept für alle Bereiche gibt. Allerdings; bei aller Perfektion: das Fehlen eines fest angestellten Restaurators ist heftig zu beklagen. Hier müsste der Stellenplan angesichts von 500.000 zu betreuenden Objekten dringend erweitert werden. Eine solch bedeutende Sammlung muss unbedingt aus nächster Nähe aufmerksam beobachtet und über Jahre konsistent restauratorisch betreut werden. Dies sei in Richtung Trägerschaft angemerkt. Löblich dagegen wiederum, dass von dieser Objektanzahl bereits fast 10 % digital erfasst sind. Das ist eine großartige Leistung. Und ebenso großartig ist, dass das Kulturhistorische Museum Görlitz seit 2016 mit Unterstützung der Landesstelle für Museumswesen ein Projekt zur Provenienzforschung betreibt.
Unter der Rubrik Forschung sind aber weitere Aktivitäten zu verzeichnen: Die drei Wissenschaftler des Hauses bringen es in den Bereichen Vor- und Frühgeschichte, Stadtgeschichte, Kunst und Kulturgeschichte auf nicht weniger als 18 Publikationen in den letzten beiden Jahren und ebenso viele Vorträge. Tatsächlich leistet man sich sogar eine jährlich erscheinende Zeitschrift „Görlitz Magazin“. Das ist bemerkenswert!
Wir halten also fest, das kulturhistorische Museum erfüllt in beispielhafter Weise die Standards moderner Museen inklusive der modernen Erweiterungen um Digitalisierung und Provenienzforschung. Das hat unsere Anerkennung ganz und gar verdient.
Aber unser oben aufgeführter Forderungskatalog war ja umfangreicher. Was macht das Museum für die Görlitzer und ihre Nachbarn? Kann es das kulturelle Zentrum sein, das die Diskussion belebt?
Schauen wir auf das Ausstellungsprogramm der letzten beiden Jahre:
AusstellungenDa haben wir 2015 die Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund“. Gezeigt wurde der spektakuläre Fund von „Entarteter Skulpturen Kunst, die 1942 zum Zwecke der abschreckenden Ausstellung in Berlin zusammengetragen, dann wohl beseitigt und 2010 bei Bauarbeiten im Boden vor dem Roten Rathaus wieder aufgefunden worden war. Die Ausstellung aus Berlin ließ die Görlitzer an diesem Sensationsfund teilhaben.
2016 zeigte die Ausstellung „Durchdrungen“ aktuelle Kunst aus der Region und danach die Schau „Blickfang Görlitz – Stadtansichten aus 450 Jahren“, ein historisches Thema also.

2017 folgte dann die Ausstellung „Erfahrung DDR“, die eine nähere Erläuterung verdient. Das Museum rief die Einwohner der Region dazu auf, solche Gegenstände aus DDR – Zeiten einzuliefern, mit denen sich besondere, selbst erlebte Geschichten verbinden. In der entstandenen Ausstellung löste sich die abstrakte und von der Geschichtsschreibung sozusagen entfremdete Geschichte der DDR in viele individuelle Geschichte auf. Das ergab reichlich Stoff, die erlebten Zeiten in ihren Alltagsauswirkungen Revue passieren zu lassen. Führungen und Diskussionsrunden vertieften dieses partizipatorische Experiment, das ganz sicher auch solche Menschen ins Museum geführt hat, die sonst den Weg dorthin nicht finden.

Auch die darauf gefolgte Ausstellung „Das Wunder der Görlitzer Altstadtmillionen“ betraf die Bewohner von Görlitz unmittelbar selbst.

Wir dürfen also festhalten: Das Kulturhistorische Museum holt bedeutende Ausstellungen in die Region und regt die Bewohner selbst an, sich aktiv am aktuellen Diskurs zu beteiligen. Dass dies alles mit einem umfangreichen, vielfältigen und kreativen museumspädagogischen Angebot begleitet wird, soll hier nicht mehr ausgeführt, wohl aber erwähnt sein. Es versteht sich ja angesichts der hohen Qualität dieses Museums fast von selbst.

Meine Damen und Herren,

lieber Jasper,

Dr. Jasper von Richthofen ist der Direktor dieses bewunderungswürdigen „ortsspezifischen Universalmuseums“.

Liebes Team des Kulturhistorischen Museums, Sie alle haben sich diesen Preis fleißig und hart erarbeitet,

(jetzt wird es offiziell)

In Anerkennung der beispielhaften sammlungsbezogenen Erschließung, Dokumentation, Forschung, sowie der lebendigen und aktuellen Vermittlung verleiht die Jury den Museumsspezialpreis für besondere Leistungen des Museums für die Gesellschaft vor Ort dem „Kulturhistorischen Museum Görlitz“.

Meinen herzlichen Glückwunsch!