Im Moment. Fotografie aus Sachsen und der Lausitz

Eine Einführung 8gekürzt) von Silke Wagler und Kai Wenzel

Der Fotografie ist es eigen, dass sie die Zeit festhalten kann und Erzählungen, die sich für einen Moment öffnen, aufzuzeichnen vermag. Für die Ausstellung „Im Moment. Fotografie aus Sachsen und der Lausitz“ wurden diese Fähigkeiten zum kuratorischen Kriterium. Im Mittelpunkt der Schau stehen Fotografien, die vom Epochenwandel der letzten reichlich fünf Jahrzehnte berichten, von der rasanten Veränderung der Gesellschaft und der von ihr geprägten (Stadt-)Landschaft sowie von individuellen und kollektiven Transformationserfahrungen.

Sachsen und die Lausitz erlebten in den vergangenen Jahrzehnten vielfältige Umbrüche. In der Umgebung von Leipzig und in der nördlichen Lausitz verschwanden durch den extensiven Braunkohleabbau weite Landstriche mit zahlreichen Dörfern. An ihrer Stelle breiten sich heute große Seen und Wälder aus. Neue Freiheiten eröffneten die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung. Gleichzeitig gingen mit ihr aber auch die Schließung zahlreicher Betriebe und der schnelle Anstieg der Arbeitslosigkeit einher, wovon Sachsen und die Lausitz besonders betroffen waren. Auf der Suche nach Arbeit haben viele Menschen die Region verlassen, was zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang führte – ein noch immer anhaltender Prozess. Fast zeitgleich wurden beide Landstriche von Veränderungen und Erfahrungen erfasst, die durch die Globalisierung bedingt sind und die sie mit anderen Regionen Deutschlands, Europas und der Welt teilen. Fotografien, die diesen Wandel thematisieren, liegt daher stets auch etwas über den regionalen Bezug hinausweisendes Allgemeingültiges inne.

Die Schau reflektiert ebenso die Veränderungen des Mediums selbst: von der klassischen Schwarz-Weiß-Aufnahme zur digitalen Welt. Die analoge Fotografie, noch im Handabzug umgesetzt, fasziniert heute genauso wie die scheinbar unbegrenzten digitalen Möglichkeiten, mittels derer die Fotokünstler ihr Medium auf das Potenzial für zeitgenössische Bildfindungen befragen. Die Ausstellung und der begleitende Katalog geben einen Überblick über die Vielfalt neuerer fotografischer Positionen in und aus Sachsen und der Lausitz. Die inhaltliche Spannweite der erzählerischen Bildsujets und der darauf abgestimmten Stilmittel reicht dabei vom Dokumentarischen bis zur Inszenierung. Der regionale Bezug ist weit gefasst und konkretisiert sich im Thema bzw. Motiv oder auch in der biografischen Bindung der Bildautoren. Die Auswahl ist jedoch nicht als ein Kompendium zu verstehen, sondern folgt letztlich dem subjektiven Blick der Kuratoren. Ein Anliegen ist es, international renommierte Künstler gemeinsam mit bisher kaum bekannten zu präsentieren, wobei die Qualität des konkreten Bildes, nicht aber ein akademischer Weg oder eine gegenwärtige Popularität im Vordergrund stehen. Von Interesse sind Positionen, die über das Dokumentarische hinaus einen künstlerischen Blick mitbringen und sich thematisch-motivisch, besonders auch sozial engagiert an Bildtraditionen der Fotografie in Sachsen und der Lausitz anschließen. Diese ist von der seit Jahrzehnten erfolgreichen Ausbildung junger Fotografiker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig geprägt.
Eine stilbildende Orientierung brachte die aus der Lausitz stammende Evelyn Richter ein, die von 1981 bis 2001 an der HGB unterrichtete und mit einigen ihrer bekanntesten Arbeiten in der Ausstellung vertreten ist. Nach 1990 wurden unter anderem Joachim Brohm und Timm Rautert bedeutende Lehrerpersönlichkeiten, bei denen viele der in der Schau gezeigten jüngeren Fotografinnen und Fotografen studiert haben.

Das produktive Umfeld in Sachsen und der Lausitz inspirierte aber auch außerhalb der akademischen Ausbildung zu fotografischer Tätigkeit. Unter den ausgewählten Serien der 1970er- und 1980er Jahre finden sich mehrere Beispiele, die ihren Ursprung einem konkreten persönlichen Interesse verbunden mit einer intensiven autodidaktischen Beschäftigung mit dem Medium und seinen technischen Möglichkeiten verdanken. Einige der älteren Künstler schufen ihre Serien im Eigenauftrag als Langzeitprojekte des Sammelns von Motiven, die sich zu Archiven formieren. Dieser Methode bedienen sich auch jüngere Kollegen, denen es gleichermaßen um das Festhalten von Zeit geht, wächst doch die Bedeutung von Fotografie im Spannungsfeld von Subjektivität und Historizität mit zunehmendem zeitlichem Abstand.

Die Stadt- und Naturräume Sachsens und der Lausitz zogen wegen ihrer Prägung durch die wirtschafts-, industrie- und zeitgeschichtlich bedingten Transformationen oder aber gerade wegen der von diesen Veränderungsprozessen scheinbar unberührten Zeitlosigkeit in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Fotokünstler an. Wenn am Anfang der Ausstellung die umfangreiche Serie „Ostdeutschlandfahrt“ von Falk Haberkorn steht, ist dies eine programmatische Entscheidung: Gemeinsam mit Sven Johne unternahm er 15 Jahre nach dem Mauerfall eine Rundfahrt durch die ehemalige DDR und protokollierte in einer seriellen Bildsprache die visuellen Veränderungen der Landschaft. Ihr Blick auf diese Regionen führt gewissermaßen ein in den Parcours der Sehweisen, Erzählungen und fotografischen Stile der Ausstellung.

Bei den in der Schau vertretenen Sichten auf die sächsisch-lausitzische Landschaft stehen weniger Idyllen im Vordergrund als vielmehr das Zeigen verschieden intendierter Eingriffe des Menschen in seine Umwelt.
Wenn sich Bildautoren den urbanen Räumen Sachsens und der Lausitz zuwenden, ist auch die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen architektonischen Denkmalsbestand immer wieder ein Thema.
Andere Arbeiten zeigen, dass Fotografien nicht nur gesellschaftliche Zustände spiegeln können, sondern an solchen auch zu scheitern drohen.
Gegen das Verschwinden ist der Blick der Überwachungskamera ausgerichtet, ein heute wieder aktuelles Thema. Ihre Unschärfe ist dem heimlichen Entstehungskontext zuzuschreiben, kann aber auch als Bildstörung verstanden werden, durch die das Motiv in die Nichterkennbarkeit und damit wieder in die Sphäre des Vergessens verschoben werden soll. Ein anderer Fotograf lotet die Möglichkeiten fotografischer Bilderzählung durch manipulative Eingriffe aus.
Stark geprägt von plötzlichen Umbrüchen bzw. sich langsam vollziehenden Veränderungen war und ist in Sachsen und der Lausitz die Sphäre der Arbeit. So zeigen lokale Fotokünstler in der Schau untergegangene Arbeitswelten der Textil- und Schwerindustrie in den 1980er Jahren, die heute nicht mehr existieren.
Gezeigt werden auch gegenwärtige Umbrüche der Arbeitswelten. Diese Bild-Text-Kombinationen mit erfundenen Berufsbezeichnungen, die in einer immer ausdifferenzierteren Welt möglich erscheinen, bewegen sich auf der Grenze des Fiktiven, erzeugen dabei aber ein überraschend präzises Bild heutiger Wirklichkeit.
Die Frage nach der Individualität des Künstlers und der Konstruktion seiner Person aus kollektiven Erwartungshaltungen und Vermarktungsstrategien stellen Fotografen mit Porträts von Künstlerinnen und Künstlern aus Leipzig und Berlin. Nur scheinbar frei von solchen Persönlichkeitskonstruktionen sind die Selbstbildnisse, die die unangepasste Künstlerszene in der späten DDR reflektieren.
Besondere Persönlichkeiten stehen gleichfalls im Mittelpunkt einer umfangreichen Porträtserie, die Mitte der 1980er Jahre von einer Gruppe Görlitzer Jugendlicher in der Rehabilitationspädagogischen Tagesstätte Görlitz-Weinhübel aufgenommen wurde. Einfühlsam hielten sie den Alltag in dieser Einrichtung fest, waren Beobachter auf Augenhöhe. Ihre Bilder belegen das erstaunliche Niveau, das die in Clubs und sogenannten Arbeitsgemeinschaften organisierte Amateurfotografie von Kindern und Jugendlichen in den Jahren der DDR erreichen konnte.

Der Mensch war und ist eines der großen Themen der Fotografie in Sachsen und der Lausitz. Auch wenn er nicht immer im Bild gegenwärtig ist, sind es doch die Spuren seines Gestaltens und Handelns, die die Fotokünstler als dokumentarisches oder ästhetisches Fundstück aus der Realität exzerpieren und zum Motiv erheben. Das Erzählerische oder das erzählend Anregende ist in der Natur des Mediums angelegt und durch die breite Zugänglichkeit auch für jeden lesbar. Katalysatorisch wirken die Möglichkeiten, die die digitale Technik eröffnet. Aber dennoch scheinen die klassischen, analogen Aufnahmen nichts von ihrem Reiz und ihrer ästhetischen Kraft eingebüßt zu haben.

Wenngleich der Kunstfonds, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, mehr als die Hälfte der künstlerischen Positionen zur Ausstellung und im Katalog beisteuert, ist dies nur ein Bruchteil seines heute fast 2000 Einzelobjekte umfassenden Bestands an künstlerischer Fotografie. Mit Ausnahme der Werke von Klaus Hähner-Springmühl, die aus einer bedeutenden und umfangreichen Schenkung aus Privatbesitz stammen, fanden diese Fotografien hauptsächlich durch die seit 1992 zunächst durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und später durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen getätigten Förderankäufe Eingang in die Sammlung. Aufgrund seiner Bedeutung und Qualität verdient dieser Sammlungsbestand zukünftig eine eingehende Beschäftigung und größere Öffentlichkeit, wozu die Ausstellung gleichermaßen anregen möchte.